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Akte Wood Fashion: Das anziehende Versprechen von nachhaltiger Mode

Akte Wood Fashion: Das anziehende Versprechen von nachhaltiger Mode

Umweltfreundliche Kleidung aus einer neuen Holzfaser, komplett in Österreich gemacht – damit wirbt das Unternehmen Wood Fashion. Die Hälfte seiner Bilanznettosumme will es spenden. Aber was ist dran an diesen Nachhaltigkeitsversprechen? Inspektorin Grün hat nachgeforscht und ist auf ein gutes Produkt, aber auch auf Intransparenz gestoßen. 

“Green is the new black”, “the future is green” und “Fashion shouldn’t cost the earth” – scrollt man durch den Instagram-Feed des Mühlviertler Startups “Wood Fashion” bekommt man fast den Eindruck, man müsse nur ein T-Shirt kaufen, um die Welt vor der Klimakatastrophe zu retten. Die Slogans des Unternehmens klingen jedenfalls vielversprechend: Kleidung zu 100 Prozent in Österreich hergestellt, zu 100 Prozent aus Holzfasern und zu 100 Prozent nachhaltig. Dabei will man zu 100 Prozent transparent und ehrlich sein, so die Versprechen auf der Unternehmenswebsite. Viele Gründe, um zu 100 Prozent skeptisch zu sein, findet Inspektorin Grün und hat sich die Firma genauer angesehen. 

Die Firma Wood Fashion gibt es seit Jänner 2020. Gegründet hat sie der oberösterreichische Hotelier und Bauunternehmer Dietmar Hehenberger.  Bei der Fernsehshow “2 Minuten, 2 Millionen” holte er den Winzer Leo Hillinger als Investor mit an Bord. Im September 2021 verkaufte Hehenberger das Unternehmen aber bereits wieder. Der Grund: Er habe einen sehr großen Bauauftrag an Land gezogen, der seine ganze Zeit beanspruche, so der Unternehmer auf Nachfrage von Inspektorin Grün. 

Der neue Eigentümer von Wood Fashion ist der Designer Emanuel Burger, der auch zuvor im Unternehmen tätig war. Hehenberger unterstützt Burger durch seine Kontakte, ansonsten ist er aber, laut eigener Aussage, nicht mehr in das Unternehmen involviert. Was bleibt sind seine Versprechen an Wood Fashions Kund:innen. 

Behauptung 1

Mode zu 100 Prozent aus Österreich

“Bei Wood Fashion ist alles zu 100 % heimisch” und “Vom Baum zu dir: Kleidung, zu 100% aus Österreich”, versichert das Unternehmen Stand Dezember 2021 auf seiner Website. Wenn es um die Verortung der einzelnen Produktionsschritte geht, ist Wood Fashion auf seiner Seite recht transparent: Die Unternehmensidee kommt aus dem Mühlviertel, der Designer hat sein Atelier in Linz und Wood Fashion arbeitet bei der Produktion mit drei großen österreichischen Firmen zusammen: Lenzing, Feinjersey und Löffler.

Die oberösterreichische Lenzing AG stellt die Lyocellfaser Tencel™ her, die dann von der Vorarlberger Firma Feinjersey zu Stoff verstrickt wird. Zurück in Oberösterreich, in Ried im Innkreis, näht die Firma Löffler die Wood Fashion-Kleidungsstücke schließlich zusammen. 

Verträge sollen die heimische Produktion garantieren

Alle drei Firmen haben aber auch Niederlassungen im Ausland. Lenzing hat Werke in China, Indonesien, Großbritannien und den USA. In Tschechien wird rund ein Viertel des Zellstoffs für Fasern wie Tencel™ erzeugt. Feinjersey beschäftigt über ein Tochterunternehmen auch Arbeiter:innen in Bulgarien. Löffler produziert laut eigenen Angaben zu 60 Prozent in Österreich. Stoffe, die Löffler nicht selbst herstellen kann, werden in anderen europäischen Ländern eingekauft. 

Die entscheidende Frage ist also: Wie stellt Wood-Fashion sicher, dass alle Produktionsschritte für seine Kleidung tatsächlich in Österreich stattfinden? Laut dem Unternehmen durch eine vertragliche Bindung der Partnerfirmen und durch regelmäßige unangekündigte Kontrollbesuche, sogenannte Audits. Auf Anfrage teilte Feinjersey im November 2021 mit, dass es wegen der Corona-Pandemie bisher nicht möglich war Audits durchzuführen. Bei Löffler habe es bereits Audits durch Wood Fashion gegeben. 

Auf Nachfrage nach dem Ablauf dieser Audits antwortete Wood Fashion, dass es sich bei den Besuchen vor Ort frei bewegen könne und einen Einblick in die Produktion bekomme. Ob nun aber wirklich alles ausschließlich an diesen Standorten produziert wird, kann man auf diese Weise nicht kontrollieren. Wood Fashion muss sich also hauptsächlich auf die vertraglichen Abkommen mit den Firmen verlassen. 

Holz ohne genaue Herkunftsangabe: Doch nicht so regional? 

Trotzdem es keine allumfassende Garantie gibt, ist die Produktion also wirklich österreichisch. Ein klarer Pluspunkt, wenn man bedenkt, dass die meisten T-Shirts mehrere Male um den Globus geschickt werden, bevor sie in unseren Kleiderschränken landen. Doch was ist mit dem Holz, aus dem die Fasern für den Stoff bestehen? Hier ist der Wurm drin – natürlich im übertragenen Sinne.

Wir erinnern uns an die Werbeversprechen “Vom Baum zu dir: Kleidung, zu 100 % aus Österreich” und “Bei Wood Fashion ist alles zu 100 % heimisch”. Auf der Website steht jedoch auch, dass das Holz aus Österreich und den Nachbarländern kommt. Das ist ein eindeutiger Widerspruch. Nach einer genaueren Herkunftsbezeichnung für das Holz sucht man vergeblich.

Inspektorin Grün hat recherchiert: Für seine Zellstofffabrik in Österreich bezog Lenzing im Jahr 2020 Buchen- und Fichtenholz aus neun europäischen Ländern, etwas mehr als 40 Prozent des Holzes wuchs in Österreich. Woher genau und zu wie vielen Teilen das Holz für die Tencel™-Fasern aus Österreich kommt, ist schwer nachzuvollziehen. 

Wood Fashion kontaktierte Inspektorin Grün einige Wochen nach ihrer Anfrage (im Dezember 2021) und teilte mit, dass es die entsprechenden Passagen auf der Website ändern werde. Jetzt steht an einer Stelle statt “Vom Baum bis zu dir” die Phrase “Von der Faser bis zu dir und dann zurück zur Natur – zu 100 % heimisch”. An einer anderen Stelle auf der Website steht immer noch “Vom Baum zu dir: Kleidung, zu 100 % aus Österreich.” Inspektorin Grün rät generell zu genaueren und weniger plakativen Formulierungen, um mehr Transparenz zu schaffen. 

“Kleidung, zu 100 % aus Österreich” – Wood Fashion-Website Stand 29.12.2021

Behauptung 2

Kleidung zu 100 Prozent aus Holz gemacht…

…ist nachhaltiger als Kleidung aus anderen Materialien. Trifft das auf die Holzfaser Tencel™, das Ausgangsmaterial für die Kleidung von Wood Fashion, tatsächlich zu? Ja, im Grunde schon, haben die Recherchen der Inspektorin ergeben. Auch hier sind die plakativen 100 Prozent aber übertrieben.

Das Unternehmen wirbt mit Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft als erneuerbarem Rohstoff, mit ressourcenschonender Verarbeitung und damit, dass seine Kleidung spurlos verrotten könnte. Die Tencel™-Faser für die Wood Fashion-Kleidung wird aus Buchenholz gemacht. 

Laut Lenzing wird nur Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft verwendet. Die Kriterien dafür werden von FSC® oder PEFC™ vorgegeben und durch Lenzing kontrolliert. FSC® und PEFC™ sind Kontrollsysteme, die Standards für nachhaltige Waldwirtschaft festlegen. Dem umfangreichen Thema Wald und nachhaltige Forstwirtschaft widmet Inspektorin Grün einen eigenen Artikel, der demnächst erscheinen wird. 

Ressourcenschonender als andere Textilien, aber noch nicht ideal

Sowohl Tencel™, als auch herkömmliche Baumwolle bestehen aus Cellulose. Doch massiver Einsatz von Pestiziden, hoher Wasserverbrauch und die Arbeitsbedingungen haben Baumwolle in Verruf gebracht. Die Verarbeitung der Holzfaser Tencel™ ist ressourcenschonender, außerdem wird – im Gegensatz zu Viskose – kein giftiges Lösemittel verwendet, der Einsatz von Chemikalien ist beim sogenannten Lyocell-Verfahren minimal. Das Abwasser, das durch den Prozess entsteht, kann wieder in den Wasserkreislauf zurückgeführt werden. Außerdem entstehen keine giftigen Dämpfe oder Umweltgifte.

Es gibt aber einen Haken: Bei dieser Art der Cellulose-Gewinnung fallen Nebenprodukte an. Holz besteht nämlich nur knapp zur Hälfte aus Cellulose und nicht wie Baumwolle zu 100 Prozent. Die Nebenprodukte kann man nicht verwerten, erklärt Professor Thomas Rosenau von der Universität für Bodenkultur Wien: “98 Prozent des anfallenden Nebenproduktes Lignin gehen heute noch durch den Schornstein”. Es werde aber viel dazu geforscht, betont der Chemiker. Eine Idee: Die klebrige Masse, die übrig bleibt – im Fachjargon spricht man von “Black Liquor” –, könnte eines Tages viele Chemikalien ersetzen, die heute aus Erdöl hergestellt werden.

Thomas Rosenau forscht und unterrichtet an der Universität für Bodenkultur Wien zu Holzfaserchemie, Chemie und Nachhaltigkeit. Er hat einen großen Beitrag zur Grundlagenforschung im Hinblick auf den Lyocell-Prozess, Celluloselösungen und Fasermaterialien geleistet. Sein Institut war 2019 der Gewinner der internationalen “Green Chemistry Challenge” der Royal Society of Chemistry.

Foto: Antje Potthast

Für Tencel™ spricht auch ein geringerer Wasserverbrauch. Laut dem Higg Material Sustainability Index verbraucht man bei der Faserverarbeitung von konventioneller Baumwolle 41-mal so viel Wasser wie bei Tencel™. Selbst Bio-Baumwolle verbraucht fast viermal so viel Wasser wie Tencel™.  Lenzing achtet bei der Faserherstellung, laut eigenen Angaben, auch darauf, dass das Prozess- und Kühlwasser in möglichst geschlossenen Wasserkreisläufen verwendet wird, um möglichst viel Wasser wiederzuverwerten. Verbrauchtes Prozesswasser wird in Kläranlagen gereinigt. Auch bei Chemikalien und Energie sorge man für möglichst geschlossene Kreisläufe. 

Zurück zur Natur – warum eigentlich?

Wood Fashion bewirbt seine T-Shirts auch damit, dass Tencel™-Fasern unter den richtigen Bedingungen innerhalb von sechs Wochen vollständig verrotten können – quasi “von der Natur, zurück zur Natur”. Diese Werbung wundert Rosenau. Er sagt: “Unter den richtigen Bedingungen verrotten alle Cellulosefasern, auch ein Baumwollshirt.” Bei einem solchen dauert der Verrottungsprozess etwas länger, weil häufig noch Reste von Pestiziden und Fungiziden enthalten sind, meint der Professor. Wood Fashion versicherte auf Rückfrage, dass das Material zwar verrottet, beim Waschen aber nicht weniger werde. 

Behauptung 3

50 Prozent der Bilanznettosumme werden gespendet

Für Wood Fashion hat “Nachhaltigkeit auch etwas damit zu tun, wie man mit der Natur umgeht und wie man seinen Mitmenschen begegnet”. Auf seiner Website hat das Unternehmen deshalb seit seiner Gründung im Jänner 2020 angekündigt, ganze 50 Prozent seiner Bilanznettosumme zu spenden. Was ist darunter zu verstehen?

Die Bilanzsumme ist definiert als die Summe aller Aktiva beziehungsweise Passiva am Bilanzstichtag. Unter Aktiva fallen sämtliche Vermögenswerte eines Unternehmens – etwa Maschinen, Beteiligungen und Bankguthaben. Der Wert der Aktiva ist immer ident mit dem Wert der Passiva, denn diese beschreiben, woher das Geld für die Aktiva kam – etwa aus Eigen- oder Fremdkapital.

Was Wood Fashion aber unter “Bilanznettosumme” versteht, konnte Inspektorin Grün bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht klären. Der Begriff wird offensichtlich auch im Wirtschaftskontext nicht oft benutzt, eine Definition sucht man in einschlägiger Literatur vergeblich. Es geht jedenfalls um Geld, und dieses soll laut dem Unternehmen an “soziale und regionale Projekte, Organisationen, Initiativen und Vereine, die sich der Hilfe für Mitmenschen oder der Verbesserung der Umwelt verschrieben haben” fließen.

Wie sich das wirtschaftlich für ein Unternehmen ausgehen kann? Darum ging es bei der Gründung nicht, sagt der frühere Eigentümer Dietmar Hehenberger. Laut dem Hotelier und Bauunternehmer war Wood Fashion neben seinen anderen Tätigkeiten ein “Hobbyprojekt”, mit dem er Gutes tun wollte. 

Trotz Ankündigung bisher keine Spenden offengelegt

Auf der Website wurde von Beginn an angekündigt, bei diesem Thema sehr transparent zu sein und über die Website und die Social Media Kanäle über die Spenden am Laufen zu halten. Aber weder auf der Website, noch auf Social Media fanden sich bis Dezember 2021 Informationen darüber, an wen wann wie viel gespendet wurde. Inspektorin Grün hat nachgefragt. 

Für das erste Geschäftsjahr habe er noch nicht abgerechnet, sagt Hehenberger. Wood Fashion habe in dieser Zeit aber bestimmt schon viel mehr als die versprochenen 50 Prozent gespendet, so der Unternehmer. Nachprüfen kann man das als außenstehende Person aber nicht.  

Dietmar Hehenberger hat auf Nachfrage der Inspektorin folgende Zahlen genannt: Insgesamt habe die Firma bisher knapp 18.000 Euro gespendet. Im Jahr 2020 waren es 3.000 Euro für die Unterstützung eines lokalen Windkraft-Projekts. Ebenfalls 3.000 Euro gingen an die Christkindl-Briefaktion von Kronen Zeitung und Caritas, die Menschen in Not Weihnachtswünsche erfüllt. 2021 bekamen dann laut Hehenberger die Hinterbliebenen eines verunglückten Mannes aus seiner Region 5.000 Euro. Ebenfalls 5.000 Euro stellte Wood Fashion für die Christkindl-Briefaktion 2021 zur Verfügung und die Firma spendete 1.000 Euro an eine Triathletin. 900 Euro gingen an Sambhali Austria für Frauen und Kinder in Indien. 

“Wir spenden 50 %!” – Wood Fashion-Website Stand 29.12.2021

Neuer Eigentümer, alte Versprechen

Auf die Frage, warum keine Details zu den Spenden öffentlich gemacht wurden, sagt Hehenberger, dass viele der Spendenempfänger nicht in die Öffentlichkeit wollten. Er weist gleichzeitig darauf hin, dass Wood Fashion mit einigen Spenden in der Zeitung war. Aber auch zu diesen Spenden finden sich keine Informationen auf der Unternehmenswebsite. Aufgrund der Übergabe des Betriebes an den neuen Eigentümer Emanuel Burger im September 2021 wurden diese Spenden dann auch nicht mehr auf der Website veröffentlicht, so Hehenberger. 

Wie viel und ob Wood Fashion unter dem neuen Eigentümer spenden wird, ist noch offen. Das Unternehmen sagte auf Anfrage, dass hier neu evaluiert werde, in Zukunft wohl aber nicht 50 Prozent gespendet werden können. Das ist an sich kein Problem. Problematisch ist aber, dass das alte Spendenversprechen von 50 Prozent mit Stand Dezember 2021 nach wie vor auf der Website zu finden ist. 

Fazit

Wood Fashion ist sauber,

die weiße Weste hat aber auch Flecken

Trotz berechtigter Kritikpunkte am Unternehmen ordnet Inspektorin Grün Wood Fashion in die Kategorie “Sauberer Überflieger” ein – die beste von drei möglichen Bewertungen. Das Hauptproblem des Unternehmens ist für Inspektorin Grün seine Intransparenz bezüglich der Spendenaktivitäten und der Holzherkunft sowie allzu plakative Formulierungen. Beides hätte das Unternehmen nicht nötig. Denn Wood Fashions Kleidung hält in Sachen Nachhaltigkeit tatsächlich, was sie verspricht, vor allem wenn man sich die momentane Situation der Textilbranche im Allgemeinen ansieht. Das Material ist weniger umweltschädlich als Baumwolle oder Viskose und die Produktion ist heimisch und spart damit CO2 im Vergleich zur globalen “fast fashion”-Industrie. 

Pros

  • Wood Fashion-Kleidung besteht aus Holzfasern
  • Das Holz ist FSC oder PEFC zertifiziert
  • Tencel™-Herstellung ohne giftiges Lösemittel, wenige Chemikalien 
  • Geringerer Wasserverbrauch als bei Baumwolle
  • Keine giftigen Dämpfe oder Umweltgifte
  • 50 Prozent der Bilanznettosumme zu spenden war ein gutes Vorhaben

Cons

  • Unternehmen muss sich per Vertrag auf andere Firmen verlassen, dass nur in Österreich produziert wird
  • Behauptung “100 % aus Österreich hält nicht stand
  • Holz besteht nur aus 50 Prozent aus Cellulose, Nebenprodukte bei der Tencel™-Herstellung werden verbrannt
  • Spendenverhalten von außen nicht nachvollziehbar oder überprüfbar
  • Anderes Spendenverhalten mit neuem Eigentümer geplant, aber altes Spendenversprechen noch auf der Website
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